Ein Landkreis kann eine Hitzewelle nicht an der Gemeindegrenze stoppen. Starkregen hält sich ebenso wenig an Zuständigkeiten, und Trockenheit trifft Wälder, Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung, Schulen und Siedlungen gleichzeitig. Im Kreis Bergstraße leben rund 270.000 Menschen in 22 Städten und Gemeinden, von der kleinen Odenwaldgemeinde bis zur Stadt mit mehr als 40.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Seit September liegt für diesen sehr unterschiedlichen Raum ein gemeinsames Klimaanpassungskonzept vor. Der Kreistag beschloss es am 7. September 2026; Ende September stellte der Kreis die Strategie Bürgermeistern, dem Nachhaltigkeitsbeirat und weiteren Beteiligten vor.
Der Vorgang ist für die kommunale Klimaanpassung aus einem Grund interessant, der über die einzelnen Maßnahmen hinausgeht. Viele Klimarisiken sind lokal, während Daten, Fachwissen und organisatorische Kapazitäten nicht in jeder Gemeinde im gleichen Umfang vorhanden sind. Die Kreisebene kann diese Lücke verkleinern. Sie kann Risiken zusammenführen, Standards schaffen und Fachwissen teilen. Die tatsächliche Veränderung eines Schulhofs, einer Straße, eines Bebauungsplans oder einer Grünfläche bleibt dennoch an konkrete Zuständigkeiten gebunden. Zwischen gemeinsamer Strategie und lokaler Umsetzung entsteht damit eine Arbeitsteilung, die für kleinere Kommunen besonders wichtig werden dürfte.
Der Landkreis sieht Zusammenhänge, die vor Ort leicht getrennt erscheinen
Das Bergsträßer Konzept betrachtet Hitze, Starkregen und längere Trockenphasen gemeinsam. Vorgesehen sind unter anderem Maßnahmen im Bevölkerungsschutz, an kreiseigenen Gebäuden und Schulen sowie Verschattung, Begrünung und Entsiegelung. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis sollen regelmäßig in die weitere Entwicklung einfließen. Schon der Entstehungsprozess war breit angelegt. Seit Ende 2024 arbeiteten Verwaltung, Kommunen, Schulen, Verbände und Wirtschaft in Workshops mit; Maßnahmen wurden anschließend unter anderem im Nachhaltigkeitsbeirat diskutiert und priorisiert.
Diese Breite ist mehr als Beteiligungsarchitektur. Klimafolgen erzeugen Wechselwirkungen zwischen Zuständigkeiten. Ein heißer Schulhof betrifft Gebäudemanagement, Gesundheit und Freiraumplanung. Starkregen kann Straßen, Keller, soziale Einrichtungen und Einsatzkräfte gleichzeitig beanspruchen. Trockenheit verändert den Pflegebedarf von Stadtgrün und kann die Wasserversorgung unter Druck setzen. Werden diese Folgen jeweils nur innerhalb eines einzelnen Amtes oder einer einzelnen Gemeinde bearbeitet, entstehen leicht parallele Lösungen mit unterschiedlichen Datengrundlagen und Prioritäten.
Ein Landkreis kann dafür einen gemeinsamen Bezugsrahmen herstellen. Im Kreis Bergstraße existieren bereits kreisweite Instrumente wie Starkregen-Risikomanagement und digitale Kartenangebote. Das neue Anpassungskonzept erweitert diese Logik auf mehrere Klimafolgen. Ein gemeinsames Risikobild erleichtert es, lokale Entscheidungen in einen größeren räumlichen Zusammenhang zu stellen. Für 22 Kommunen bedeutet das nicht, dass überall dieselben Maßnahmen sinnvoll wären. Es bedeutet, dass die Frage nach Dringlichkeit und Wirkung auf vergleichbaren Grundlagen gestellt werden kann.
Geteiltes Wissen verändert die Ausgangslage kleiner Kommunen
Kommunale Klimaanpassung verlangt inzwischen Kenntnisse aus Meteorologie, Stadt- und Landschaftsplanung, Wasserwirtschaft, Gesundheit, Katastrophenschutz, Bauwesen und Förderrecht. Größere Städte können dafür spezialisierte Stellen und eigene Fachabteilungen aufbauen. In kleineren Gemeinden konkurriert dieselbe Aufgabe häufig mit vielen anderen Zuständigkeiten. Der fachliche Anspruch sinkt dadurch nicht. Eine Starkregengefahrenkarte muss ebenso belastbar sein, ein hitzeangepasster Schulumbau ebenso langfristig funktionieren und eine Entsiegelung ebenso in Unterhalt und Haushalt passen.
Die Kreisebene kann Skaleneffekte schaffen, ohne die örtliche Entscheidung zu übernehmen. Gemeinsame Datengrundlagen, Arbeitshilfen, Beratungsangebote und Erfahrungsaustausch reduzieren den Aufwand, mit dem jede Kommune dieselben Grundlagen neu erschließen müsste. Gerade bei Aufgaben, die sich über mehrere Jahre entwickeln, entsteht daraus eine Form institutioneller Infrastruktur. Wissen bleibt verfügbar, auch wenn einzelne Projekte enden oder Personal wechselt.
Diese Perspektive passt zu einer Entwicklung, die sich auch in anderen Bereichen kommunaler Infrastruktur beobachten lässt. Der Kreis Bergstraße bündelt beispielsweise digitale Bauleitpläne in einem Geoinformationssystem, während die inhaltliche und rechtliche Verantwortung bei den jeweiligen Städten und Gemeinden verbleibt. Für Klimaanpassung ist eine ähnliche Arbeitsteilung plausibel. Der Kreis kann Daten, Methoden und Koordination bereitstellen; die Gemeinde entscheidet, wie diese Grundlagen in Straßenraum, Bauleitplanung, Liegenschaften oder Grünpflege übersetzt werden.
Umsetzung braucht klare Übergaben
Ein gemeinsames Konzept löst die Zuständigkeitsfrage allerdings nicht automatisch. Gerade weil Klimaanpassung quer zu etablierten Verwaltungsstrukturen verläuft, muss für jede Maßnahme erkennbar sein, wer den nächsten Schritt übernimmt. Bei kreiseigenen Schulen liegt der Handlungsspielraum anders als bei einem kommunalen Platz. Für einen Hitzeaktionsplan gelten andere Verantwortlichkeiten als für einen Rückhalteraum. Und eine Beratung für private Eigentümer erreicht ihr Ziel erst, wenn sie tatsächlich zu Veränderungen an Gebäuden oder Grundstücken führt.
Die Qualität einer kreisweiten Strategie zeigt sich deshalb an ihren Übergaben. Welche Daten erhalten die Gemeinden in einer Form, mit der sie planen können? Welche Maßnahmen lassen sich gemeinsam beschaffen oder fachlich vorbereiten? Wo kann der Kreis Fördermittelwissen bündeln? Welche Vorhaben gehören in kommunale Haushalte, welche in Kreisliegenschaften und welche brauchen Kooperation mit privaten Akteuren? Solche Fragen wirken administrativ, bestimmen aber, ob aus einem priorisierten Risiko innerhalb weniger Jahre eine sichtbare Anpassungsmaßnahme wird.
Net Positive Cities hat in einem früheren Beitrag beschrieben, wie Klimaanpassung zur kommunalen Daueraufgabe wird, wenn Wissen und Verfahren in gewöhnliche Verwaltungsentscheidungen einfließen. Auf Landkreisebene kommt eine zusätzliche Dimension hinzu. Dauerhaft werden muss auch die Zusammenarbeit zwischen Verwaltungsebenen. Ein Konzept kann dafür die gemeinsame Sprache liefern. Seine Wirkung entsteht in den Routinen, mit denen Informationen weitergegeben, Entscheidungen vorbereitet und Projekte finanziert werden.
Die passende Ebene ist Teil der Lösung
Die Debatte über Klimaanpassung konzentriert sich häufig auf die Maßnahme selbst. Bäume, Entsiegelung, Rückhalteflächen, Verschattung und Frühwarnsysteme sind sichtbar und lassen sich räumlich verorten. Weniger sichtbar ist die Frage, auf welcher Verwaltungsebene die Voraussetzungen dafür am sinnvollsten organisiert werden. Der Kreis Bergstraße liefert dafür ein aktuelles Beispiel. Die Risiken werden gemeinsam betrachtet, während die Umsetzung über viele Institutionen und Orte verteilt bleibt.
Für kleinere und mittlere Kommunen kann genau diese Architektur entscheidend sein. Sie müssen nicht jede fachliche Grundlage allein entwickeln, brauchen aber genügend eigene Handlungsfähigkeit, um aus gemeinsamen Daten lokale Investitionen zu machen. Der Landkreis wiederum gewinnt nur dann Wirkung, wenn seine Strategie bis in die Entscheidungen der Städte und Gemeinden reicht. Klimaanpassung wird dadurch zu einer Aufgabe mit mehreren Maßstäben: regional genug für gemeinsame Risiken und Ressourcen, lokal genug für konkrete Flächen und Gebäude.
Die Klimaanpassungsleistung des Bergsträßer Ansatzes liegt darin, Hitze-, Starkregen- und Trockenheitsrisiken kreisweit auf eine gemeinsame strategische Grundlage zu stellen und daraus abgestimmte lokale Vorsorge in 22 sehr unterschiedlichen Kommunen zu ermöglichen. Für die kommenden Jahre wird sich zeigen, wie belastbar diese Verbindung ist. Der interessante Maßstab für Fortschritt ist dann nicht die Zahl der beschlossenen Maßnahmen, sondern die Zahl der Stellen, an denen gemeinsames Wissen tatsächlich in örtliche Entscheidungen eingegangen ist.
Quellen
Kreis Bergstraße, „Gut vorbereitet auf Hitze, Starkregen und Trockenheit“, 29.09.2026
https://www.kreis-bergstrasse.de/aktuelles-veroeffentlichungen/pressemitteilungen/pressemitteilungen-jahrgang-2026/271-klimaanpassungskonzept/
Kreis Bergstraße, Themenseite Klimaanpassung, abgerufen 06.10.2026
https://www.kreis-bergstrasse.de/themen-projekte/nachhaltigkeit/klimaanpassung/
Kreis Bergstraße, Städte und Gemeinden im Kreis, abgerufen 06.10.2026
https://www.kreis-bergstrasse.de/landkreis-politik/unser-landkreis/staedte-und-gemeinden-im-kreis/
