Das strukturelle Problem der deutschen Sanierungsberatung liegt nicht im Umfang des Angebots. Es liegt darin, dass niemand dafür zuständig ist, isolierte Empfehlungen zu einer sinnvollen Strategie zusammenzufügen. Das Wuppertal Institut hat dieses Defizit systematisch beschrieben und einen modularen Beratungsansatz entwickelt, der Energieeffizienz, Klimaanpassung, Ressourcenschonung und soziale Bedarfe als integriertes System begreift.
Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer ohne technische Expertise sehen sich einer Beratungslandschaft gegenüber, in der jeder Anbieter seinen Bereich durchdringt, aber niemand Auskunft darüber gibt, ob die geplante Maßnahmenreihenfolge technisch sinnvoll ist, ob eine früh getroffene Entscheidung eine spätere erschwert oder ob Fassadendämmung und Fassadenbegrünung an demselben Gebäude widersprüchliche Anforderungen stellen. Das ist kein Versagen einzelner Beratungsstellen. Es ist die logische Konsequenz eines Fördersystems, das Maßnahmen isoliert fördert und dabei einen Beratungsmarkt erzeugt hat, der sich an diesen Töpfen ausrichtet, nicht am Gebäude als Ganzes.
Das modulare Konzept des Wuppertal Instituts ist der Versuch, diese Lücke systematisch zu schließen, indem es Energieeffizienz, Energieversorgung, Suffizienz, Klimaanpassung und Nutzerbedarfe als ein System behandelt, in dem jede Entscheidung die nächste beeinflusst. Das ist konzeptionell richtig. Und es wirft die Frage auf, die das Papier bewusst offenlässt.
Integration kostet, und niemand hat sie bisher in den Förderrahmen geschrieben
Artikel 18 der EU-Gebäuderichtlinie fordert One-Stop-Shops für Gebäudeenergieeffizienz. Dass Deutschland diese Anforderung noch nicht in die Fläche übersetzt hat, ist kein Umsetzungsversagen im technischen Sinne. Es ist ein Ausdruck davon, dass die Frage der Trägerschaft und Finanzierung unbeantwortet geblieben ist.
Kommunen wären naheliegende Träger solcher Anlaufstellen. Sie kennen den lokalen Gebäudebestand, verfügen oft über Klimaschutzbüros und stehen im direkten Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern, die sanieren wollen oder sanieren müssten. Gleichzeitig stehen sie unter einem Finanzierungsdruck, der freiwillige Leistungen, zu denen Beratungsangebote zählen, als erstes trifft. Das kommunale Gesamtdefizit liegt bei 31,9 Milliarden Euro. Selbst wenn Fördermittel für One-Stop-Shops bereitstehen, fehlt vielen Kommunen der Eigenanteil und das Personal, um sie operativ zu führen.
Was die EPBD-Umsetzungsdebatte bisher weitgehend ausgeblendet hat, ist die Frage der Koordinationskosten. Ein Gebäude in Etappen zu sanieren ist sequenzabhängig in einer Weise, die Eigenheimbesitzerinnen ohne Fachkenntnisse kaum einschätzen können. Wer zuerst dämmt und dann die Heizungsanlage austauscht, wählt unter Umständen eine Heizgröße, die für das gedämmte Gebäude zu groß dimensioniert ist. Wer die Reihenfolge umkehrt, zahlt möglicherweise doppelt. Integrierte Beratung erfordert deshalb jemanden, der diese Schnittstellen kennt, die Maßnahmenreihenfolge strategisch durchdenkt und den Überblick über ein Gebäude behält, das über mehrere Jahre in Etappen verändert wird. Eine Heizungsanlage hat ihren Fachplaner, eine Photovoltaikanlage ihren Installateur, eine Klimaanpassungsmaßnahme ihre Förderstelle. Das Gebäude als Ganzes hat niemanden. Diese Koordinationsleistung muss ausgebildet, beauftragt und bezahlt werden, und das ist in keinem der bestehenden Förderprogramme vorgesehen.
Klimaanpassung als Pflichtbestandteil der Sanierung
Dass Klimaanpassung im modularen Konzept des Wuppertal Instituts explizit als gleichrangiger Bestandteil neben Energieeffizienz steht, ist bemerkenswert, weil es dem Beratungsalltag in Deutschland fundamental widerspricht. Dachbegrünung, Fassadenbegrünung, Regenwasserrückhalt und sommerlicher Wärmeschutz werden in der Sanierungspraxis regelmäßig als optionale Ergänzungen behandelt, die man hinzufügt, wenn das Budget es zulässt und die Eigentümerin es wünscht.
Das hat strukturelle Gründe, die über individuelle Präferenzen weit hinausgehen. Klimaanpassungsmaßnahmen werden überwiegend aus anderen Töpfen gefördert als Energieeffizienzmaßnahmen, von anderen Stellen beraten und häufig in anderen Ämtern verwaltet. Eine Hitzeschutzberatung und eine Dämmungsberatung finden in Deutschland selten im selben Gespräch statt, obwohl sie dasselbe Gebäude und dieselbe Nutzerin betreffen. Die institutionelle Trennung reproduziert sich in der Beratungspraxis, und die Beratungspraxis reproduziert sich in den Sanierungsentscheidungen.
Das Konzept des Wuppertal Instituts ist in dieser Hinsicht ein Argument dafür, dass ein Gebäude, das energetisch saniert wurde, aber keine Maßnahmen gegen urbane Hitzeinseln enthält, nur halb fertig gedacht ist. Diese Einordnung ist korrekt, und sie ist politisch weitreichend, insofern sie eine Neudefinition dessen verlangt, was eine vollständige Sanierung ausmacht: nicht allein die Verbesserung der Energiebilanz, ebenso die Anpassung des Gebäudes an Klimabedingungen, die sich bereits verändert haben und weiter verändern werden.
Ein Zeitfenster, das sich schließt
Die Umsetzung der EPBD ist in Deutschland noch offen, und das ist keine Schwäche, es ist ein Zeitfenster. Welche Organisationsform, welche Finanzierungsstruktur und welche Trägerschaft für One-Stop-Shops definiert wird, entscheidet darüber, ob integrierte Sanierungsberatung in Deutschland eine Förderprogrammkategorie bleibt oder als kommunale Infrastrukturleistung etabliert wird, und damit darüber, ob Klimaanpassung in zehn Jahren zu den selbstverständlichen Bestandteilen einer vollständigen Gebäudesanierung gehört oder weiterhin als optionale Ergänzung verhandelt wird.
Sie planen eine Sanierungsstrategie für kommunale Liegenschaften oder entwickeln Beratungsangebote für den öffentlichen Sektor? Sprechen Sie uns an – wir helfen dabei, Energieeffizienz und Klimaanpassung von Anfang an zusammenzudenken.
