Heute werden in Berlin die Gewinnerinnen und Gewinner des Bundespreises „Blauer Kompass“ 2026 ausgezeichnet. 488 Projekte hatten sich beworben, 25 wurden nominiert. Unter den fünf kommunalen Kandidaten liegen ein Starkregenfrühwarnsystem im Landkreis Fulda, eine Fortbildungsreihe für Verwaltungs-Auszubildende, der Umbau eines Wiesbadener Parkplatzes zum Schwammstadt-Park, der Hitzeaktionsplan der Stadt Hamm und eine Klimainsel in Plauen.
Diese Auswahl ist für Kommunen aufschlussreich, weil sie Klimaanpassung in sehr verschiedenen Formen zeigt. Sensoren und Warnketten stehen neben Personalentwicklung, Stadtumbau und Hitzeschutz. Der gemeinsame Kern liegt in einer Fähigkeit, die im kommunalen Alltag an Bedeutung gewinnt. Verwaltungen müssen unter unsicheren Klimabedingungen Entscheidungen treffen, deren Wirkung über Jahre trägt und deren Nutzen sich häufig erst im nächsten Extremereignis vollständig zeigt.
Anpassung zeigt sich in sehr verschiedenen Verwaltungsentscheidungen
Die fünf kommunalen Nominierungen folgen keiner einheitlichen technischen Lösung. Fulda arbeitet an früherer Warnung vor Starkregen. Die Kooperation aus Mittlerem Schussental, den Kreisen Konstanz und Ravensburg sowie der Stadt Singen setzt bei den künftigen Beschäftigten der Verwaltung an. Wiesbaden verändert eine versiegelte innerstädtische Fläche. Hamm organisiert Hitzeschutz über einen Aktionsplan. Plauen schafft einen konkreten kühlen Aufenthaltsort.
Für die kommunale Praxis ist diese Spannweite relevant. Klimafolgen treffen Straßen, Grünflächen, soziale Einrichtungen, Wasserhaushalt, Katastrophenschutz und Gesundheit gleichzeitig. Die Zuständigkeiten dafür liegen oft in verschiedenen Ämtern, Eigenbetrieben oder Kreisen. Klimaanpassung wird deshalb dauerhaft wirksam, wenn aus einzelnen Projekten belastbare Abläufe zwischen diesen Bereichen entstehen.
Gute Projekte müssen mit Unsicherheit umgehen
Das Umweltbundesamt bewertet die Bewerbungen nach sechs Kriterien. Neben Wirksamkeit, Nachhaltigkeit und finanzieller Tragbarkeit zählen Robustheit, Flexibilität und positive Nebeneffekte. Besonders die beiden ersten Begriffe beschreiben ein Problem, das kommunale Investitionsentscheidungen von vielen klassischen Planungsaufgaben unterscheidet. Niemand kennt heute exakt, wie häufig ein bestimmtes Starkregenereignis im Jahr 2045 auftreten oder wie sich eine sommerliche Hitzeperiode in einem einzelnen Quartier entwickeln wird.
Eine robuste Maßnahme behält unter unterschiedlichen Klimaverläufen einen Nutzen. Eine flexible Maßnahme lässt sich anpassen, wenn sich Annahmen verändern. Für einen Platz kann das bedeuten, Entsiegelung, Baumschatten und Regenwasserrückhalt so zu planen, dass mehrere Belastungen gleichzeitig berücksichtigt werden. Für ein Warnsystem bedeutet es, Datenquellen, Alarmwege und Zuständigkeiten so anzulegen, dass sie weiterentwickelt werden können.
Diese Logik verändert auch die Frage nach Wirtschaftlichkeit. Der günstigste Eingriff im Baujahr kann über die Nutzungsdauer teuer werden. Wartung, Anpassbarkeit, vermiedene Schäden und zusätzliche Funktionen gehören in die Betrachtung, wenn kommunale Mittel über Jahrzehnte wirken sollen.
Die Verwaltung selbst wird Teil der Infrastruktur
Der nominierte „KlimAzubi“-Ansatz macht einen oft übersehenen Teil der Klimaanpassung sichtbar. Wissen über Klimarisiken muss innerhalb einer Verwaltung wandern können. Beschäftigte im Tiefbau, in der Stadtplanung, im Sozialbereich oder in der Beschaffung treffen Entscheidungen, die die Verwundbarkeit einer Kommune beeinflussen, auch wenn Klimaanpassung nicht in ihrer Stellenbezeichnung steht.
Daten und digitale Werkzeuge können diese Zusammenarbeit erleichtern. Starkregenkarten, Stadtklimamodelle, Baumkataster oder digitale Zwillinge machen räumliche Zusammenhänge sichtbar und schaffen eine gemeinsame Arbeitsgrundlage. Die von Net Positive Cities mitverfasste Studie „Digitale Technologien für natürlichen Klimaschutz in Kommunen“ beschreibt ihren Nutzen besonders für Austausch, Koordination und Management. Auf der Website von Net Positive Cities zum nachhaltigen Wassermanagement und zur Smart City wird derselbe Zusammenhang aus der kommunalen Beratungsperspektive aufgegriffen.
Technik entfaltet ihren Wert in dieser Konstellation über die Entscheidung, die sie vorbereitet. Ein digitales Modell kann eine Hitzeinsel präzise abbilden. Die Veränderung im Stadtraum beginnt mit der anschließenden Priorisierung von Flächen, Budgets und Zuständigkeiten.
Breite Kriterien erschweren den Vergleich
Ein so weit gefasstes Verständnis von Klimaanpassung hat einen Nachteil. Ein Starkregenfrühwarnsystem, eine Fortbildung und der Umbau eines Parkplatzes lassen sich nur begrenzt anhand derselben Kennzahlen vergleichen. Auch die sechs Kriterien des Umweltbundesamtes verlangen Bewertungen, bei denen unterschiedliche Zeithorizonte, Kostenstrukturen und Zielgruppen zusammenkommen.
Der Wettbewerb sollte deshalb als Sammlung geprüfter Praxisbeispiele gelesen werden. Eine Rangliste technischer Lösungen lässt sich daraus kaum ableiten. Seine Kriterien bieten Kommunen einen brauchbaren Fragenkatalog für eigene Vorhaben. Bleibt eine Maßnahme unter verschiedenen Klimaszenarien nützlich? Kann sie verändert werden? Welche Folgekosten entstehen? Welche weiteren Funktionen erfüllt sie im Quartier? Solche Fragen lassen sich vor einer Investitionsentscheidung beantworten, ohne Projekte künstlich vergleichbar zu machen.
Aus Modellprojekten kann kommunale Routine entstehen
Der Blaue Kompass zeichnet heute sechs Projekte aus und versieht jedes Gewinnerprojekt mit 25.000 Euro Preisgeld. Für die kommunale Klimaanpassung liegt der größere Wert des Wettbewerbs in den dokumentierten Lösungswegen. Die 488 Bewerbungen zeigen, dass vielerorts bereits erprobt wird, wie Vorsorge organisatorisch, technisch und räumlich funktionieren kann.
Die nächste Entwicklungsstufe beginnt, wenn diese Erfahrungen in gewöhnliche Verwaltungsentscheidungen einfließen. Ein Straßenumbau berücksichtigt dann den Wasserhaushalt, eine Platzsanierung die sommerliche Aufenthaltsqualität, eine Beschaffung die künftigen Klimabedingungen und eine Personalentwicklung das Wissen über lokale Risiken. Klimaanpassung verliert dabei den Charakter des Sonderprojekts und wird zu einer dauerhaften Eigenschaft kommunaler Planung.
Das verändert auch den Maßstab für Fortschritt. Eine Kommune ist auf Klimafolgen vorbereitet, wenn sie unter veränderten Bedingungen handlungsfähig bleibt, Entscheidungen korrigieren kann und ihre Investitionen über Ressortgrenzen hinweg aufeinander bezieht. Die heute ausgezeichneten Projekte sind einzelne Beispiele. Ihr übertragbarer Wert liegt in den Verfahren, die hinter ihnen sichtbar werden.
Quellen
Umweltbundesamt, Bundespreis „Blauer Kompass“ 2026, abgerufen am 17.09.2026
Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Preisverleihung am 17.09.2026
BMUKN, 16.06.2026, 488 Bewerbungen und 25 Nominierungen
ZEIT Verlagsgruppe, Grundsätze zur Arbeit mit Künstlicher Intelligenz, abgerufen am 17.09.2026
